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© antje dorn [all rights reserved]
"Imbisse", Öl/Lack auf Aluminium in verschiedenen Formaten,
Galerie Barbara Wien, Berlin 2004 (Ausstellungsfoto: Silke Helmerdig)
"Potatoes" aus der Serie "Imbisse", Lack auf Aluminium, 230x200 cm, 2003.

Die Serie "Imbisse" besteht aus aus 37 Malereien, Öl/Lack auf Aluminium
in verschiedene Formaten und parallel dazu entstandenen Zeichnungen,
Tusche und Bleistift auf Papier in den Formaten 21x29,7 und 42x29,7 cm, 2003/2004.


"Imbisse", Zone E, Essen 2007 (Austellungsfoto: Petra Wittmar)
"Milk II" aus der Serie "Imbisse", Lack auf Aluminium,
103x77 cm, 2004
Knut Wolfgang Maron about the series "Imbisse",
Galerie zone_E, Essen, 2007:

“Imbisse” from Antje Dorn, re-scales and reevaluates our relationship to the fundamental conditions of our lives. Paintings of architectural sculptures and models, constructions straight out of the classical Modern, shops, kiosks and bodegas, present a full-format typeface that, with a palpable ease, form the words of staple foods in an aesthetically unorthodox way.

Ms. Dorn works in oil and lacquer on a base built of recycled off-set boards with roofing nails, mounted on wood. She relates the terms ”habitation” and “life” to the lexicon of essential sustenance, placeholders for a world that already exists in fragments, so radical and visionary that it has never before been formulated and depicted.

In the commercial world, the brands that broadcast their logos, emblems, and icons loud and colorfully from buildings and skyscrapers, occupy our entire field of vision and trap us in a chain of narrative associations. “Imbisse” explodes these associations with jovial and confident ease. In this context, the paintings respond to these ever-multiplying messages and thereby develop a new form.

The work revisits basic elements of our daily necessities and brings us back to a reformed set of values and hierarchies– ones that we always took for granted and that the Ms. Dorn now finally paints. The artist also references here the semantics of her earlier achievements in drawing, film and photography.



Barbara Wien über die Serie "Imbisse"
Galerie Barbara Wien, Berlin, 2004
:

Labels, Signets und Markenzeichen sind Kürzel der Warenwelt, die simpel erscheinen,
aber kompliziert funktionierende Bedeutungsmaschinen und Hülsen sind.
Diese Zeichen beschleunigen und beherrschen den Austausch, nicht nur den Tausch der Waren, sondern auch der Rede und der Vorstellung von denDingen. Wie diese Zeichen Regeln festlegen und umgekehrt ist das Thema der Bilder, Zeichnungen, Photos und Bücher von Antje Dorn.

In der Ausstellung zeigen wir die neueste Serie “Imbisse”. Es sind Lack- oder Ölbilder, die auf einen ungewöhnlichen Bildträger gemalt sind, auf Druckplatten aus dem Offsetdruck. Die Aluminiumplatten sind mitDachpappennägeln auf Holzlatten “aufgezogen”. Zu sehen sind Miniaturbauten, Kioske, Verkaufsstände und Fragmente moderner Architektur, die riesige Schriftzüge tragen. Statt Produktnamen sind Grundnahrungsmittel genannt:
beans, rice, potatoes. Logos und Signets werden auf eine Basisaussage zurückgedreht, sie nennen - ungewöhnlicherweise - Stoffe, die man tatsächlich braucht.


Labels, logos and trademarks are abbreviations for goods, simple but complicated machines of meaning. These signs accelerate and determine the exchange, not only the exchange of goods, but also of words and imagination.
How these signs fix the rules and vice versa is the subject of many pictures, drawings, photographs and books by Antje Dorn.

In the exhibition we show the new series “Imbisse” (snackbars). The lacquer and oil paintings are painted on an unusual surface: engraving plates from offset printing. The aluminium plates are fixed with nails on wooden laths. Depicted are tiny buildings, kiosks and fragments of modern architecture displaying huge billboards.
Instead of actual brands, basic foodstuffs arenamed: beans, rice, potatoes. The logos and trademarks get back to basics. For a change, they mention the things you really need.

"Imbisse" im Guestroom der Galerie Michael Sturm, Stuttgart 2007 (Ausstellungsfoto: Galerie Sturm)

Zeichnungen der Serie Imbisse in der Ausstellung "Wittgenstein in New York",
Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Berlin 2005

Dr. Andreas Schalhorn

Passage aus: "Architekturbezogene Räume in der zeitgenössischen Künstlerzeichnung.
Drei Beispiele: Antje Dorn, Nanne Meyer und Pauline Kraneis"
in: Räume der Zeichnung, Akademie der Künste Berlin, Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg, 2007

Antje Dorn (geb. 1964 in Aachen, lebt in Berlin) beschäftigt sich in ihrer Malerei, ihren Fotografien und Zeichnungen mit dem Zeichen- und Formenvokabular unserer Konsumwelt.
Mit den in Gemälden (Öl und Lack auf Aluminium) und Zeichnungen (Tusche auf Papier) vorgestellten Architekturen der von ihr erfundenen „Imbisse“ (Abb. 1) widmet sie sich der Verknüpfung von Architektur und Werbeschrift: Die Zeichnungsserie, die als Parallelstrang zu den Gemälden entstand, „dokumentiert“ die Außenansicht architektonischer Gebilde, die alle, wie die an ihnen angebrachten Wörter verdeutlichen, dem Verkauf oder der Lagerung jeweils einer bestimmten Gemüse- oder Obstsorte dienen. Einige der Bauten (vgl. die Blätter „Erbsen“ und „Algen“) ähneln dabei provisorisch anmutenden Baracken, wie sie überall auf dieser Welt zu finden sind – etwa in den Slums und an der Peripherie größerer und kleinerer Siedlungen. Andere Gebäude wie „Broccoli“ oder „Gurken“ erweisen sich als die armen Verwandten der eben in diesen städtischen Rand- und Problemzonen, in den Gewerbegebieten und an den Ausfallstraßen zu findenden Großmärkte, Möbel- und Elektronikdiscounter. Auch diese bestehen häufig aus einer anonymen, mit entsprechenden Firmenschriftzügen überhöhten Fast-Food-Architektur ohne größeren ästhetischen Anspruch. „Oliven“ schließlich erinnert in seiner organischen Form an ein verunglücktes Design-Objekt der sechziger Jahre.
Doch soll es hier nicht vornehmlich um die inhaltliche Seite der Arbeiten gehen, sondern viel mehr um den zeichnerischen Modus, den Antje Dorn für ihre profan-grotesken Architekturfantasien wählt und der in einer speziellen Raumdarstellung mündet: Die Künstlerin positioniert die mit Pinsel oder Feder in klaren, kräftigen Linien angelegten Architekturen und die ihnen applizierten Werbeschriften in der Mitte bzw. in Ausrichtung zur vertikalen Mittelachse (z. B. bei „Broccoli“) der als Hochformate eingesetzten Blätter. Die Bauten sind perspektivisch unter Verwendung von einem oder zwei Fluchtpunkten erfaßt, die außerhalb des Blattes liegen. Hinzu kommt – je nach Lage der Fluchtpunkte für die in die schräg in die Tiefe stoßenden Kanten der Gebäude und Schriften – eine leichte Aufsicht oder Untersicht. Dorn bemüht sich also – gemäß einer allgemeinen Definition von „Perspektive“ – „dreidimensionale Objekte auf einer zweidimensionalen Fläche so abzubilden, daß dennoch ein räumlicher Eindruck entsteht.“ Die unterschiedlich großen Architekturen, die jeden baukünstlerischen Impetus vermissen lassen, stehen dabei isoliert auf dem Papier. Keine simple, etwa durch den perspektivischen Augen- beziehungsweise Fluchtpunkt gegebene Horizontlinie hilft, sie wenigstens behelfsmäßig in einer auf diese Weise angedeuteten „Landschaft“ zu verorten. Vielmehr erweisen sich Dorns Architekturerfindungen als ortlos: Sie erscheinen herausgelöst nicht nur aus einem urbanen bzw. suburbanen Zusammenhang, den eine gezeichnete Umgebung ja zumindest andeuten würde, sondern auch herausgelöst aus jedweder linearen Simulation eines dreidimensionalen Umraumes. Auch das Fehlen einer Figurenstaffage macht es unmöglich, den Bauten einen Ort und Maßstab zuzuweisen. Dorn nutzt hier ein beliebtes Stilmittel dokumentarischer und künstlerischer Architekturfotografie, nämlich die erfaßten Bauten ohne Menschen als belebende, damit aber ablenkende Ergänzung zu zeigen. Handelt es sich bei den Zeichnungen überhaupt nicht einfach um die Darstellung im Maßstab reduzierter Architekturmodelle – also um architektonische „Imbisse“ im übertragenen Sinne von kleinen Schnellgerichten, wie man sie an einer häufig barackenartigen Imbißbude erwerben kann? Den einsamen „Imbissen“ eignet in ihrer maßstäblichen und örtlichen Unbestimmtheit letztendlich der Charakter von Signets, von einfachen Bildzeichen. Diese speichern auf gewisse Weise Raum, indem sie sich – in perspektivischer Drehung – mit ihrer holperigen linearperspektivischen Konstruktion in der sich scheinbar über den Blattrand unendlich fortsetzenden, unbestimmten Weite (dabei ein wenig hilflos wirkend) zu behaupten suchen.
Der dabei von Dorn gezielt eingesetzte „ungelenke“, pseudo-kindliche Zeichenstil, der sich etwa in bewußten „Fehlern“ bei der Darstellung der Buchstaben oder der Perspektive der Bauten und Schriften (die fluchtenden Linien treffen sich nicht immer in einem gemeinsamen Fluchtpunkt) äußert, verunklärt den Wirklichkeitsbezug (im Sinne einer dokumentierenden Funktion der Zeichnung) deutlich zugunsten des Moments einer Erfindung. Gleichzeitig steigert der klare Konturen setzende Linienduktus die Lapidarität der architektonischen Artefakte.

Zeichnungen der Serie "Imbisse", Tusche auf Papier,
21x29,7 cm, 2003/2004 (Auswahl)
Lisa Zeitz über die Zeichnungen der Serie Imbisse zur Ausstellung
"Lob der Kritik", Fruehsorge Contemporary Drawings, Berlin 2009

Antje Dorns Bilder aus der Serie Imbisse zeigen schwebende Architekturen in Verbindung mit Logos. Da steht “Butter” über einer Blockhütte geschrieben,
“Ribs” über einem Container oder “Möhren” an einer futuristischen Behausung.
Es gibt ultramoderne Villen, Würstchenbuden oder Bushaltestellen. Mit ihren überdimensionierten Billboards sehen die Buden aus, als könnten sie am Rand einer Autobahn in der Wüste von New Mexico stehen. Handelt es sich um Verkaufsstände und Restaurants – werden hier wirklich Kartoffeln angeboten und kann man hier wirklich Gurken essen? Oder ist die Architektur ein Sinnbild für das Lebensmittel? Erklärt die breite, wohnliche Architektur, dass “Reis” Ernährung für breite Massen der Weltbevölkerung ist? Sind Radieschen bodenständig verwurzelt und Broccoli abgehoben? Ist der Bau für den Blumenkohl fensterlos wie dessen muffiger Geruch im Treppenhaus einer Mietskaserne? Oder wohnen hier Möhren?
Wörter und Zeichen entwickeln bei Antje Dorn ein Eigenleben. Die Künstlerin animiert die Welt der Zahlen, Buchstaben, Produkte und Marken und verleiht ihnen Seele und Charakter. So entsteht ein Paralleluniversum, das zwar viele Schnittstellen zu unserem Planeten hat, aber das Namen und Formen in neuer, absurder Zusammensetzung präsentiert. Es ist ein bisschen so, als ob der Gummibaum nachts den Stühlen Gedichte vorlesen würde.
In Antje Dorns Bildern ist alles bekannt, aber alles neu.